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Exkurs Götterwelten

Exkurs Götterwelten     > von Göttern, der Schöpfung und ihrer Bewahrung


»Kreta war ein wichtiger geographischer Schauplatz mythologischer Ereignisse und
Kulte. Bedeutende Götter, Heroen, Fabelwesen und Sterbliche wurden auf dieser Insel
geboren, wählten sie zu ihrem Lebensraum oder hielten sich vorübergehend auf ihr auf.«
                                                                     (Marie-Luise Schmidt di Simoni: Kreta, 1981)

 

Es genügt ein Hügel, ein Gipfel, eine Küste. Daß es ein einsamer Ort ist und deine Augen,
wenn sie an ihm wieder hinaufwandern, im Himmel stillstehen. Das unglaubliche Abstechen
der Dinge im Äther rührt noch heute ans Herz. Ich für mich glaube, ein im Himmel sich
abzeichnender Baum oder Steinblock sind Götter von Anbeginn an. Diese Dinge sind nicht
allzeit auf den Bergen gewesen.

                                                                
(Cesare Pavese: Gespräche mit Leuko. Düsseldorf 1989)



Über den Ursprung der Dinge

Zeus berichtet über seinen Großvater Uranos:

»Von seinen Söhnen unterstützt, baute Uranos Berge und Gletscher; hier ließ er
glühende Lava verströmen, um einen festen Unterbau zu schaffen, dort breitete
er dicke Schichten Lehm aus; überall kristallisierte er das Formlose und ließ
das Breiige hart werden, verteilte die Schätze der Metalle und zwang Pontos,
dem Gott der Flut, einem Nachkommen des Chaos, ein harmonisches Gesetz auf. ...
Er kannte die Schlüsselzahl des organischen Lebens. Er schuf die Arten.
   Alles was grünt, blüht, schwimmt, kriecht, fliegt, schreitet oder läuft,
alles, was die Wasser bevölkert, die Lüfte durchschneidet, alles was in Felsen
oder in der Erde wurzelt, alles, was sich nährt, atmet und ausscheidet, alles,
was singt, piepst, röhrt und sein Verlangen, seine Furcht und seine Freude her-
ausbrüllt, ruft und schreit, alles, was Eier, Keime, Körner und Samen spendet,
alles, was sich teilt, um sich aus jedem Teil wieder eine neue, der ursprüng-
lichen ähnliche Einheit zu schaffen, um sie einem neuen und doch identischen
Wesen zu vererben, all dies ist sein Werk.
   Ich sagte: die Schlüsselzahl des Lebens, und schon, liebe Sterbliche, wer-
det ihr nachdenklich. Schon so lange versucht Ihr, sie zu erfahren.
   Die Zahl ist Wort, ohne Bezeichnung zu sein; sie ist Welle und Licht, aber
niemand erblickt sie; sie ist Rhythmus und Musik, aber niemand vernimmt sie.
Ihre Vielfalt ist unbegrenzt, und doch ist sie unwandelbar. Jede Form von Leben
ist ein besonderer Ausdruck der Zahl. Nur zu, meine Söhne, Ihr könnt noch lange
darüber nachdenken.«


Uranos »bezeichnete sich als Sohn des Tages und der Nacht, was nicht dazu angetan
ist, recht viel zu offenbaren. Man könnte sich fragen, ob er nicht von anderswoher
kam, ich will sagen, von einer anderen und entfernten Gegend des Kosmos, wo die
göttlichen Mächte fortgeschrittener waren. ... Wir, seine Enkel, konnten nie die
Nebel des Geheimnisses durchdringen, die seine Herkunft umgaben und die seine Größe
und seine Majestät noch erhöhten.
   Er war ein überaus bewundernswerter und vortrefflicher Gott, ein Ordner aller
Dinge, betriebsam, tätig, und alles um sich mit seiner Energie belebend; gewiß
auch selbstherlich, aber auf Gerechtigkeit und Verbreitung des Glückes bedacht.«


»Uranos war stolz auf seine Werke, und das mit recht, und ich selbst, sein Be-
wahrer und Erbe, bin es für ihn; es mißfällt uns sehr, wenn Ihr wie Tölpel durch
die verschwenderische Galerie seiner Schöpfungen geht, ohne etwas zu sehen, zu
würdigen und zu verstehen. Aber wenn Ihr Euch bereit findet, von Zeit zu Zeit
Euch selbst zu vergessen, um eingehend seinen Pinienzapfen und seinen Granatapfel
mit dem rosigen Fleisch zu betrachten, seine schillernde Libelle über dem Rauschen
eines Baches, seine in der Sonne schlafende Blindschleiche, eingeringelt zwischen
zwei Steinen wie der Kreislauf der Zeiten, dann werdet Ihr mit Glückseligkeit be-
lohnt werden. Denn Ihr werdet an den Schwingungen der Zahl und an der Bewegung des
Lebens teilhaben.
   Dazu braucht Ihr keineswegs ein schöngeistiger Rhetoriker zu sein oder wohlha-
bender Besitzer vieler Morgen Land. Ein einfacher Hirte wird Euch in diesen Dingen
oft noch belehren können.«
      
       
                                               (Maurice Druon: Die Memoiren des Herrn Zeus. Roman. 1969)



»Das Leben der griechischen Götter übertrifft alles,
was die Reichen und Mächtigen meiner Generation an
Sensationen hervorbringen.«
  (Ruth Seering: Inseln im Mittelmeer, 1991)


Wie die Geschichte dann weitergeht, wird im Folgenden kurz berichtet. Beachtenswert,
dass Inzucht, gegenseitiges Mißtrauen und Grausamkeiten schon in der Urzeit gang und
gebe waren. Und wir wundern uns, wenn das sich bis heute zum Teil nicht geändert hat.
Oh ihr Götter, wie war das nur möglich!? Ich denke, wir hätten andere und bessere
Vorbilder als euch verdient.


»Auf Kreta kam zunächst die Muttergöttin Gäa aus dem unendlichen Chaos hernieder.
Sie gebar den Uranos, den Himmelsgott. Sie vermählte sich mit ihrem eigenen Sohn
und brachte Titanen zur Welt. Diese wollten gleichberechtigt an der Macht des
Vaters teilnehmen und bewiesen ihre göttliche Kraft, indem sie gemeinsam die hohen
Gebirge Kretas auftürmten. Wegen ihrer Aufsässigkeit gegen ihren Vater Uranos wur-
den sie aus dem Himmel vertrieben und in das irdische Reich der Gäa verwiesen.
Kronos, der Jüngste der Titanen, entmannte mit Hilfe der Mutter Gäa seinen Vater
Uranos, brachte ihn um und heiratete seine Schwester Rhea. Über das Prinzipat des
Götterreiches kommt es schließlich unter den Titanen zu einem Kompromiß. Der Bru-
der Titan willigt dem Kronos die Alleinherrschaft unter der Bedingung ein, daß
Kronos keine männlichen Nachkommen aufziehen sollte. Das gesamte Reich sollte
einst an die Nachkommen des Titan fallen. Aus Angst, einer seiner Söhne könnte
ihn stürzen – so hatte es ihm Vater Uranos auf dem Sterbebett noch geweissagt -,
verschlingt Kronos seine beiden Söhne Hades und Poseidon gleich nach der Geburt.
Die Töchter Hestia, Demeter und Hera läßt Kronos jedoch am Leben. Den nächstgebo-
renen Sohn bewahrt Rhea vor dem Schicksal der beiden anderen Brüder, indem sie
ihn in einer tiefen Höhle des Idagebirges, unweit der alten kuretischen Ortschaft
Lyktos zur Welt bringt. Sie nennt ihn Zeus.«
           
                                                       (Karl-Erich Wilken: Impressionen über das klassische Kreta, 1978)



»In ihren Mythen und Heldensagen haben sich die Griechen die Erinnerung an ihre geschichtlichen Ursprünge bewahrt. Doch anders als in den meisten anderen Kul-
turen sind die Mythen der Griechen nicht eindeutig festgelegt. In jeder Landschaft
leben andere Sagen fort, die oft genug im Widerspruch zueinander stehen.« 
                                                      (Marie-Luise Schmidt di Simoni: Kreta, 1981)

 

Über Zeus

»Die Höhle, in der ich geboren wurde, öffnete sich in den sanften Höhenzügen des
Berges Dikte, jenseits des kleinen Fleckens Psychro. Die Götter lassen sich nach
Belieben dort nieder, aber der Mensch erreicht sie nur mit Mühe auf Pfaden, die
im Gestrüpp verschwinden und auf denen die Steine unter den ufen des Maultieres
davonkollern. Im Sommer schwebt über allem der Duft wilder Kräuter, und die Luft
flimmert stets ein wenig wie ein in Bewegung geratener Schleier.«

»Es war immer schon vorgesehen, daß ich in Kreta zur Welt kommen sollte. Schon
seit Anbeginn der Zeit scheint dort mein Bild auf; es beherrscht die Insel und
ist aus zehn Meilen Entfernung zu sehen. Die Seeleute zeigen es Euch, genau in
Richtung des Bugs, wenn Ihr von Norden kommend in Heraklion anlegt; ... Nie wur-
de, sei es für Gott oder Mensch, ein größeres Abbild geschaffen als dieses, das
nach meiner Zukunft geformt wurde. Es ist ein Berg und heißt Dikte.
   Mein Körper tritt nicht hervor; er ist nicht aus der Masse der Felsen und der
Zeit herausgelöst. Nur mein Kopf erhebt sich und zeichnet sich liegend, noch wie
im Schlaf, im Profil gegen den Himmel ab. Das Auge ist geschlossen. Die Nase ist
nicht traurig und gebogen, sondern an der Spitze gerundet, sinnlich und gegen 
die Wolken gerichtet.Der Bart umrahmt breit und gepflegt die Unterlippe und senkt
sich gegen den nächsten Berg herab.«

                                                          (Maurice Druon: Die Memoiren des Herrn Zeus, 1969)


»Mythen sind den heutigen Zeitungen nicht unähnlich – zumeist liegt dem geschrieben Wort irgendeine Tatsache zugrunde. Aber wie bei den heutigen Zeitungen sind auch bei den Mythen zuweilen die Zeilen durcheinander geraten.« 
                                                                   
(Robin Bryans: Kreta, 1980)

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