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Exkurs Filoxenia

Exkurs Filoxenia     › vom umgang mit den fremden, kretische gastfreundschaft       

 

Filoxenia, die »Liebe zu den Fremden«, ist ein altehrwürdiger Grundsatz der griechischen
Kultur und findet nirgends verschwenderischeren Ausdruck als in den ländlichen Gebieten
Kretas. .... der Gast ist geladen, einen »Löffel Süßes«, das heißt Kompott, von den Frauen
des Hauses zubereitet, zu sich zu nehmen, woraufhin ihm dann Likör und griechischer Kaffee
angeboten werden, gefolgt von einem Glas kalten Wassers. Es sollte den Besucher nicht
überraschen, wenn ihm auf Kreta der beste Stuhl des Hauses angeboten wird, das Bett der
Gastgeber, eine Mahlzeit und alles, was den Dorfbewohnern sonst noch an Möglichkeiten
einfällt, es dem Gast behaglich zu machen. Und obwohl im Norden der Insel dank der Ströme
von Sommergästen die alte griechische Höflichkeit und die Großzügigkeit verkommen, bleibt
in den Hügeln und Bergdörfern die filoxenia doch die kennzeichnende kretische Tugend.

                                     (Elizabeth Boleman-Herring: Griechenland zwischen Mythos und Moderne. 1992)

 

In vielen Reiseführern wird behauptet, daß die kretische Gastfreundschaft
durch die vielen Touristen im Laufe der Jahre gelitten hat. Das mag vielleicht
für einige Touristenbunker, wo sich Touristen eben wie Touristen benehmen,
vielleicht gelten. Abseits der großen Touristenströme kann man jedoch noch
überall die typische kretische Gastfreundschaft spüren. Verhält man sich eben
nicht als Tourist, sondern als Gast in einem fremden Land, so wird jeder Kreta
von seiner positivsten Seite kennenlernen.
         
                                                  (Martin Kochloefl, www.kochloefl.de, 1998)          

 

Kreter nudeln ihre Gäste. Bei Kretern eingeladen zu
sein bedeutet deshalb oft Stress für den Magen und
auch für die Leber. Den Raki gibt es gleich literweise.
Viel Essen muß ja schließlich auch mit viel Schnaps
verteilt werden ...
                   
(Jürgen Meyer: Die kretische Stimme, 1991)

 

"Der Bauer, bei dem ich zu Gaste war, war sicher nicht besser und nicht schlechter gestellt
als die anderen. So wie er behaust war sind sie es alle. Aber die Gastfreundschaft ist ein
elementarer Trieb, der heftigsten einer. Auf Kreta, wo alles leidenschaftlich gesteigert ist,
ist er noch stärker als auf dem Festland. Es ist einer der schönsten Triebe unter Menschen,
von geradezu biblischer Macht, überwältigend in seiner aufbrechenden Güte: ganz ungemischt.
Man irrte, wollte man meinen, daß er nicht rein sei, wie ich es oftmals erwog: daß vielleicht
das Bedürfnis zu gelten bestimmend im Spiele sei oder etwas, das man mit den Worten um-
schriebe: sie kaufen die Seele des Gastes. Es ist ein Trieb, ursprünglich und rein, der uns,
es bleibt zu gestehen, in dieser Kraft fremd ist. Nicht hundert-, sondern tausendmal erfahren
im kleinen und großen, sammelt sich im Beschenkten viel Dank gegen das Land.

Nicht immer ist einem das Gastsein gerade erwünscht, doch kann man sich schwerlich entziehen.
Ich erinnere mich da der Erzählung eines Archäologen, der mir auf Kreta den Rat gab, in einsa-
men Dörfern, Einladungen möglichst nie abzuschlagen. Die Kreter seien imstande, den wider-
spenstigen Gastfreund als Feind zu betrachten und zu verfolgen. Für ihn selber, der körperlich
nicht der festeste war, meinte er, sei das oftmals recht peinlich. Denn es liefe von Dorf zu Dorf
auf eine Unzahl von Rakis hinaus, und bis er dann endlich angelangt sei, sei seine wissenschaft-
liche Erkenntniskraft heftig getrübt."
                                                                                      
(Erhart Kästner: Kreta, 1946. p 70f.)


Die griechische Gastfreundschaft, die häufig in eine regelrechte Xenomanía
ausartet, der sich der Fremde mitunter nur schwer entziehen kann, ist ein
Erbe der griechischen Antike, die in Zeus Xenios einen eigenen, den Fremden
beschützenden Gott besaß.

                                   
(Marie-Luise Schmidt di Simoni: Kreta, 1981)

 

Das ist die kretische Lebensphilosophie. Man verlangt nichts vom Leben,
was es nicht selbst gibt, genießt jedoch das, was man bekommt, mit
dankbarstem Herzen. Der Kreter will bewirten und beschenken.
Auf Kreta wird die Gastfreundschaft fast leidenschaftlich betrieben.
Sie ist vielleicht das Schönste am kretischen Wesen.

                                                    
(Hans Einsle: Nachtbäume auf Kreta. 1986)


Auch hier ändern sich die Zeiten

Ernüchternder schreibt Pawlos Bänsch, ein Zugereister, der seit ein paar Jahren auf Kreta lebt,
auf seiner Homepage zu diesem Thema:

Noch vor einiger Zeit wurde die Gastfreundschaft auf Kreta sehr groß geschrieben,
mittlerweile hat sich dies auch verändert. Zwar findet man immer noch die Kreterische
Gastfreundschaft, doch die meisten sehen in den Touristen nicht mehr einen Gast oder
Freund sondern eher einen Kunden, dies trifft vor allem auf die touristischen Gebiete zu. 

                     
w3.kretaferien.de/index.php?link=service/tips.inc&function=1&auswahl=gastfr.dat&actitem=78&itemof=4

dito

Was die fremdländischen Eroberer nicht vermochten, das haben gut zwanzig Jahre Touristeninvasion
geschafft: Sie bedoht die kretische Nationaleigenschaft, die "philoxenia", die Gastfreundschaft. Selbst
deutsche Besatzer genossen sie im Zweiten Weltkrieg, als ärgste Feinde während ihres Diensturlaubs
bei kretischen Bauern. Die hereinbrechenden Massen sonnenhungriger Urlauber aus allen Ecken
Europas aber überfordert sie. ....  Aufgeschlossenheit und Neugier gehören nach wie vor zur Mentalität
der Kreter. Nur haben sie sich inzwischen vorm xénos zurückgezogenin die eine oder andere Pension
und Taverne oder ins Landesinnere. Aufgehoben ist sie im Herzen vieler alter Leute. ....

   Früher erhielt der zufällig vorbeikommende Fremde, Grieche wie Ausländer, bei einer Hochzeit mitten
in der Dorfgesellschaft unbedingt einen Ehrenplatz. Heute wird die Erfüllung des Touristentraums,
einmal bei einem Dorffest dabeigewesen zu sein, immer unwahrscheinlicher: Bei den wachsenden
Touristenmassen sinkt die Neigung der Kreter, jeden x-beliebigen Ausländer als Gast wahrzunehmen.
Mancherorts herrscht inzwischen schlicht Kommerzdenken vor.
                                                                                 
(R. Karbe/ U. Latermann: Anders Reisen Kreta, 1997)

 

Die Gastfreundschaft und die Blutrache scheinen die beiden extremsten Erscheinungsformen des an sich schon so intensiven Lebens hier zu sein.
                      
                          
(Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

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