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Exkurs Dorfleben

Exkurs Dorfleben


Weinernte

»Der Tag, wo man Wein machte, war ein Festtag des Hauses. Alexandros
war aus den Bergen gekommen mit einer noch blutenden halben Ziege über
der Schulter; und die Mutter hatte das Fleisch zum Kochen in einer Ecke
des Hofes auf den Herd gestellt.
   Peters Füße wurden, als einem Fremden gehörig, sorgfältig gewaschen,
sodann wurden Athanasios′ Füße leicht besprengt – es war für sie die ein-
zige Gelegenheit, mit Wasser in Berührung zu kommen; dann begannen die
beiden jungen Männer, die Trauben zu zertreten. Sehr bald waren ihre
Beine purpurrot bis über das Knie. Manchmal glitten sie auf den Trebern
aus; dann griffen sie, um nicht zu fallen, nach den Holzpfählen, die zu
eben diesem Zweck in der Mauer befestigt waren. Die Gärung begann; die
Trauben, noch frisch an der Oberfläche, waren unten am Boden brühheiß.
Der Saft strömte in großen warmen Strahlen hervor, wie Blut aus einer
tiefen Wunde.«
                 
(Claire Sainte-Soline: Antigone oder Roman auf Kreta. 1958)

 

Hochzeit

»Das Fest war noch nicht zu Ende, da begannen schon die Hochzeitsfeier-
lichkeiten. Seit Mittwoch abend kamen die eingeladenen Gäste nach Karoti.
Die Straße hatte ihr Aussehen verändert: Gruppen von festlich gekleideten
Menschen gingen auf und ab; ständig begegnete man neuen Gesichtern. Die
Männer trugen das große Festgewand, von dessen Kaufpreis man ein ganzes
Jahr hätte leben und fast ein Haus hätte kaufen können: leuchtend blaue
Westen mit goldenen Litzen und rotem Samtfutter, weite Pluderhosen von
lebhafter Farbe und eng gefädelt um die Hüften, gestickter Gürtel und
schwarzer Turban mit langen seidenen Fransen.
  
Die Frauen waren einfacher gekleidet; die kühnsten trugen europäische
Kleider und balancierten lächerliche Hütchen auf ihren Köpfen. Alle drück-
ten gegen ihre Brust einen kleinen, rührenden, altmodischen Pompadour.
  
Abends war Empfang in beiden Häusern, und es wurde an beiden Enden des
Dorfes getanzt. Die Bekannten des Bräutigams amüsierten sich oben bei der
Schule, die der Braut auf dem Hofe neben der Kirche. Die meisten der von
beiden Familien doppelt Geladenen vertrieben sich die Zeit, indem sie zwi-
schen beiden Häusern hin und her pendelten, oben auf dem Hügel ein Glas
Wein tranken, unten eine
>Mezes< aßen und hin und wieder einen Tanz mit-
machten, wobei sie ständig bedauerten, nicht zugleich auf beiden Festplät-
zen sein zu können. Das Café lag in der Mitte auf halbem Wege und floß
über von Gästen.«
                    
(Claire Sainte-Soline: Antigone oder Roman auf Kreta. 1958)



»Früher dauerte bei uns eine Hochzeit eine ganze Woche, manchmal auch
länger. Heute sind wir bescheidener. Aber selbst zur einfachsten Hochzeit
kommen zweihundert bis dreihundert Gäste. Dieses Fest wird nicht allein
von den Familien der Braut und des Bräutigams gestaltet, das ganze Dorf
hilft dabei und gibt dazu. Wir haben ein Sprichwort: ´Wenn einer von uns
Hochzeit hat, haben alle Hochzeit.´ So ist es auch mit der Geburt und dem
Tod. Das sind keine privaten Ereignisse, daran nehmen alle teil. Vielleicht
wissen Sie nicht, daß in einer kretischen Familie zuerst die Töchter ver-
heiratet sein müssen, ehe einer der Söhne an eine Ehe denken kann. Ein jun-
ger Mann mit vielen Schwestern hat es bei uns sehr schwer. Für die
Apokata-
stais
, das heißt für die Heirat der Töchter, sind die Eltern allein ver-
antwortlich. Die Mitgift wird genau festgelegt. In unseren Bergdörfern
besteht noch die Tradition, daß Mädchen im Alter von vierzehn Jahren ver-
sprochen werden.«

                                      (Ruth Seering: Inseln im Mittelmeer, 1991)

 

(um 1960)

Es ist unbeschreiblich, wie arm die Leute hier sind. Wir merken
jetzt erst, wie wenig man zum Leben braucht. Es gibt in der ganzen
Gemeinde und an der ganzen Südküste weder Strom noch einen Wasserhahn,
noch ein Klo, noch einen Herd – sie kochen alle auf dem offenen Feuer -
noch Zucker oder Margarine. Diese Luxusartikel führen wir ein, weil wir
nicht ohne sie auszukommen glauben. Trotzdem sind die Menschen alle heiter
und voller Lebensfreude. Bei den Männern sind viele politisch sehr
interessiert, die Burschen waren oder sind fast alle auf dem Gymnasium;
auch einige von den Mädchen. Die erwachsenen Frauen allerdings können
nicht alle lesen und schreiben
.

                                         
                                                        (Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)


Heute war ich bei unserem Nachbarn, dem Ziegenhirten Kostas. .... (Sein) Haus
besteht nur aus einem Raum, davor eine Terrasse, darunter die Hühner. Im Zimmer
steht ein großes Bett mit einer schönen, schwarz-rot gewebten Decke, an der Wand
ein paar hohe Tonkrüge .... In einer Ecke befindet sich die Feuerstelle mit einem
großen Kupferkessel darüber, in dem gerade der Käse gekocht wird. In einer anderen
Ecke ist von Wand zu Wand eine Schnur gespannt, dahinter hängen die Kleider; auch
ein paar seidene Damenstrümpfe, weil gestern Christi Himmelfahrt war. Sonst nur
noch ein Tisch und ein paar Stühle, mehr braucht man nicht zum Leben. Alles ist
frisch und sauber, jedes Stück an seinem Platz. Auf der Terrasse steht ein verros-
teter Eimer, in dem eine wunderschöne weiße Lilie blüht.

                                                                       (Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

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