kretafans

Navigation

Besucherzähler

Shoutbox

000

000

C um 1960

Dorfleben
Es ist unbeschreiblich, wie arm die Leute hier sind. Wir merken jetzt erst, wie wenig man
zum Leben braucht. Es gibt in der ganzen Gemeinde und an der ganzen Südküste weder
Strom noch einen Wasserhahn, noch ein Klo, noch einen Herd – sie kochhen alle auf dem
offenen Feuer – noch Zucker oder Margarine. Diese Luxusartikel führen wir ein, weil wir
nicht ohne sie auszukommen glauben. Trotzdem sind die Menschen alle heiter und voller
Lebensfreude. Bei den Männern sind viele politisch sehr interessiert, die Burschen waren
oder sind fast alle auf dem gymnasium; auch einige von den Mädchen. Die erwachsenen
Frauen allerdings können nicht alle lesen und schreiben.
(Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von dem Einsatz einer Gruppe der Aktion Suehnezeichen, insges.
6 Deutschen, die im Jahr 1963 in einem kretischen Dorf ein Dorfgemeinschaftshaus bauten.
Autor: Klaus Hönig mit Illustrationen des Ehepaas Hönig (Emmendingen)


Haus  erledigt
Heute war ich bei unserem Nachbarn, dem Ziegenhirten Kostas. .... (Sein) Haus besteht
nur aus einem Raum, davor eine Terrasse, darunter die Hühner. Im Zimmer steht ein
großes Bett mit einer schönen, schwarz-rot gewebten Decke, an der Wand ein paar hohe
Tonkrüge .... In einer Ecke befindet sich die Feuerstelle mit einem großen Kupferkessel
darüber, in dem gerade der Käse gekocht wird. In einer anderen Ecke ist von Wand zu
Wand eine Schnur gespannt, dahinter hängen die Kleider; auch ein paar seidene Damen-
strümpfe, weil gestern Christi Himmelfahrt war. Sonst nur noch ein Tisch und ein paar
Stühle, mehr braucht man nicht zum Leben. Alles ist frisch und sauber, jedes Stück an
seinem Platz. Auf der Terrasse steht ein verrosteter Eimer, in dem eine wunderschöne
weiße Lilie blüht.
(Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

Olivenernte
(4. Dezember 1963) Bei uns ist die Olivenernte in vollem Gang, die Mädchen und die
Frauen sind den ganzen Tag bei Wind und Wetter draußen und lesen die Oliven auf.
Fleißige Leute schaffen an einem tag bis achtzig Kilo. Die Ernte dauert bis in den Mai
hinein, bis alle Oliven heruntergefallen sind. Ich habe beim Nachbarn Sifis zugeschaut,
wie das Öl gepreßt wird. Es geschieht auf eine Weise, die sich seit Urzeiten nicht ge-
ändert hat. In seinem Keller hat er einen Mühlstein, den das Muli den ganzen Tag
drehen muß, darauf werden die Oliven zerquetscht. Der Brei wird in Säcke gefüllt und
ausgepreßt, wieder mit riesigen und uralten Hebelmechanismen. Aus den Säcken
tropft das Öl in einen tiefen Behälter, in dem sich der Schmutz absetzt; später kann
man das klare und gute Öl abschöpfen. Die Regierung gibt zur Zeit für den Liter acht-
zehn Drachmen, das sind etwa 2,50 DM. Sofis gilt als wohlhabend. Er besitzt etwa
dreihundert bis vierhundert Bäume, von einem Baum erntet er Oliven für ungefähr
zehn Liter Öl .... Der "reiche" Janni hat etwa tausend Bäume, aber die nützen ihm
nicht so viel, weil er sie mit anderen Familien nicht allein abernten kann. Die anderen
Dorfleute, auch wenn sie noch so arm sind, denken nicht daran, ihm beim Ernten zu
helfen, dazu sind sie zu stolz. Er muß sich seine Arbeiter aus Makedonien kommen lassen.

(Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

Über die Samaria-Region
(Agia Roumeli) Ein schönes altes Dorf, im Krieg unzerstört, Reste von türkischen Festungen,
Reste einer byzantinischen Kirche mit reichen Fußbodenmosaiken, ein paar schöne Stein-
brücken, viele Feigen, Orangen und Oliven und vor allem Wasser, viel Wasser, ein ganzer
Bach. .... Hier von Agia Roumeli führt eine Schlucht in die Weißen Berge hinein. Ich glaube
nicht, daß es in Europa noch einmal so etwas Wildes, Unberührtes und ungestüm Ur-
sprüngliches gibt: senkrechte Felswände, mehrere hundert Meter hoch, und Stellen, wo
die Schlucht buchstäblich nur vier Schritte breit ist. .... Von einer Straße oder nur einem
Weg keine Spur. Am anderen Ende der Schlucht liegt in den Bergen das Dorf Samaria.
Es leben dort tatsächlich noch Menschen, obwohl es weder eine Schule noch einen Arzt,
noch Telefon, noch Post oder irgend etwas gibt, was an Europa erinnert. Es ist ein arm-
seliges und hartes Dasein, das die Menschen hier führen, und man kann zusehen, wie
das Dorf ausstirbt. Bei uns in Livadas gibt es wenigstens eine Schule, dreimal wöchent-
lich einen Eselreiter, der die Post bringt, und einmal in der Woche einen Arzt, für alle Fälle.
Früher war Samaria ein reiches Dorf, es lebte bis vor wenigen Jahrzehnten ganz offiziell
vom Viehdiebstahl, Im Herbst stahlen die Samorioten die Herden von den Bergen, und im
Winter, wenn niemand in die Schlucht konnte, aßen sie die Schafe und Ziegen zuhause in
aller Ruhe auf. Aber Viehdiebstahl war von jeher ein Anlaß zur Blutrache, deshalb ist das
Dorf dann doch einmal einer großen Vendetta zum Opfer gefallen. 1946 ist der letzte be-
rühmte Viehdieb von den erbosten Hirten erschossen worden. Und jetzt leben nur noch
etwa zwanzig Menschen dort.
      
Wenn man sich dies alles erzählen läßt, glaubt man sich wirklich ins Mittelalter versetzt,
dabei sind die Menschen alle so herzlich und freundlich zu uns. ...
        Die Gastfreundschaft und die Blutrache scheinen die beiden extremsten Erscheinungs-
formen des an sich schon so intensiven Lebens hier zu sein.

(Klaus Hönig: Kreta – ein Abenteuer für die Freundschaft. 1964)

 

Der englische Historiker M.  I. Finley (1912 - 1986) schrieb in dem Band Vor- und Frühgeschichte (Ende des 2. Jahrtausends) in der Fischer Weltgeschichte (1966) über Kreta:

Diese Insel ist heute ein abweisendes und weitgehend unfruchtbares Land,
ein Opfer schwerer Mißhandlung durch den Menschen
. (311)

 

Über allen Inseln liegt ein Zauber: Sie vertiefen unser Erleben und verklären
unser Empfinden, wie kein Festland es jemals vermag. Nirgendwo habe ich das
stärker gespürt als auf Kreta. Megalonisos sagen die Griechen, die große Insel.

(Theo Sommer, ehem. Chefredakteur der ZEIT, im Merian-Heft Kreta, 1990)

 zurück zum Wegweiser (sitemap) 

041103

 

 

[ Besucher-Statistiken *beta* ]