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rückblicke › auf geschichte, kunst und kultur
Zitate aus
Herbert Kühn: Die Kunst Alteuropas. Stuttgart 1954»
Hegel hat gesagt, die Kunst sei die Darstellung des Absoluten in der Anschauung ...
Die Kunst ist demnach die Beziehung des Menschen zum Ewigen in der Form der Gestaltung,
Kunst ist der gestaltende Ausdruck der Beziehung vom Ich zur Welt und damit vom endlichen
Ich zum unendlichen Ich. Diese Beziehung kann nun entweder innerweltlich, das heißt immanent,
oder auch außerweltlich, das heißt transzendent, begründet sein. Und so ergeben sich als
Unterbegriffe des Gesamtbegriffs Kunst die beiden Stil-Inbegriffe, entweder transzendent,
imaginativ, oder immanent, sensorisch.« (12)
Bronzezeit
»Sie entfaltet sich an den Stellen, wo eine neue Art des Denkens entsteht. Die alte Welt
war die der Jäger und Sammler. In den großen Flußtälern mit den Überschwemmungsgebieten,
in Mesopotamien, Ägypten, am Indus und am Hoang-ho in China entwickelt sich der Ackerbau.
Der Mensch ist nicht mehr abhängig von dem Tier und von der Jagd. Der Mensch produziert.
Er schafft seine Nahrung durch das Aussäen des Getreides, und so richtet sich sein Blick, sein
Wunsch und seine Hoffnung auf das Wachsen, auf die Fruchtbarkeit. Das Tier war ein realer,
die Fruchtbarkeit ist ein abstrakter Gedanke, daher ist es verständlich, daß das Abstrakte in
den Mittelpunkt des Denkens und der Gestaltung tritt. Das Abstrakte aber konzentriert sich
auf die Gedanken Geburt und Tod, Fruchtbarkeit und Vergehen, wird im Symbol erlebt. Das
Symbol kann immer nur von einer bekannten Größe hinweisen auf eine unbekannte und kann
nur so in der Sprache und im denken, im Bild und in der Gestaltung das ausdrücken, was
hinter dem Gesehenen steht: das Ewige, das Gesetz.« (18)»Das Gesetz des Kosmos wird erlebt in den fruchtbaren Elementen, die die Träger des Lebens
sind. Sie stehen in der Wirklichkeit nicht in einer logischen Verbindung miteinander, sie sind
aber verbunden durch das Geheimnis des Symbols, sie sind vereint durch ihre Bezogenheit
auf den Gedanken des erwachenden Lebens. Es sind diese Begriffe:
Wasser,
Frau,
Erde,
Mond,
Stier,
Schlange,
Baum.Immer wieder erscheinen die Darstellungen dieser Symbole. In ihnen ruht das Denken
der Epoche, und in ihnen lebt der Ausdruck der Gestaltung.« (18 f.)»Mit der Idee der Magna Mater verbunden ist der Gedanke an Geister und Dämonen,
an die Ahnen, die weiterleben und das Leben der Menschen in ihren Händen tragen.
Nur so sind die Pyramiden zu verstehen, nur so in Ägypten der ausgebildete Gedanke
des Lebens im Jenseits, nur so die Entwicklung der Mastabas, nur so die Megalithbauten
an den Küsten Europas. .... Es entstehen Bildwerke von großer Schönheit in der Abstraktion,
Bildwerke, die gerade uns Menschen der Gegenwart ergreifen, weil wir in ihnen die
Bewegung unserer Zeit erleben, die sich abwendet von der naturhaften Form, die sich
dem Sinn der Dinge und dem Urbild des Menschen öffnet.« (19)»Die Stilbewegung zum Abstrakten wird »durchbrochen in dem Augenblick, in dem eine
neue Form der Wirtschaft mit Stadt, Schrift und Handel entsteht. Jetzt muß die Stadt
geschützt, der Tempel behütet, der König verteidigt werden. Es wird eine Gruppe von
Soldaten geschaffen, die sich auf den Kampf vorbereitet, auf Schutz und Angriff. Hier
kann nicht mehr die weibliche Gottheit das Herrschende bleiben; die männliche Kraft des
Ordnens, Bestimmens und des Kämpfens tritt an die Stelle des Gedankens der Fruchtbar-
keit. Sehr deutlich ist diese Bewegung in Mesopotamien zu erkennen, ebenso in Ägyp-
ten. Hier verbindet sich die Gestalt des obersten Gottes mit dem Stier Amon ...
Immer aber noch weiß man, daß Ischtar oder Innanna die Urmutter der Welt ist, die
älteste der Götter, an die die Erinnerung zurückreicht.«»In Europa hebt sich in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends
eine einzige Kultur lebendig heraus aus der einheitlichen Welt
der abstrakten Kunst. Das ist Kreta. Hier erwacht um 1600 v. Chr.
die zweite naturhafte Kunst nach der Eiszeit. Zum ersten Mal in
Europa entsteht hier Stadt, Schrift und Handel. Gewiß ist der
Anschluß an Mesopotamien und Ägypten deutlich erkennbar, doch
etwas Selbständighes erwächst und etwas Eigenes. Die Skulptu-
ren von Knossos und Hagia Triada künden von einer sensorischen
Kunst, deren Ziel es ist, die Welt in ihrer Wirklichkeit, in ihrer Rea-
lität zu gestalten. Nachdem diese Kunst ihren Höhepunkt zwischen
1600 und 1400 erreicht hat, wird sie von neuem stilisierter und
schließlich abstrakt. Den Übergang bilden die Malereien von Mykenä
und Tiryns. Wie eine großartige Blüte an einem Baum steigt Kreta-
Mykenä auf und erlischt, und wieder herrscht die einheitliche Welt
der abstrakten Kunst.« (20)»So erscheint dem heutigen Blick, der das Ganze des Kunstgeschehens von der Vorzeit bis
zur Gegenwart überschaut, die Kunst als die große Symphonie des Menschen in seinem
Gespräch mit sich selbst. Bald steht das Außen voran, und alle Klänge sind zusammengefaßt
in dem großen Crescendo der Wiedergabe der Wirklichkeit, und bald steht das Tiefe, das
Letzte und das Ewige voran, und alle Ströme des Klingens sammeln sich in dem Forte des
Gesanges, der das Wesenhafte und das Letzte, das Abgehobene und das Erträumte zu
gestalten sucht, der das Seinshafte abhebt von dem Einzelnen, dem Zufälligen und dem
Besonderten. Unserer Zeit ist es gegeben, beide Stilarten in ihrem Wesen zu begreiffen
und zu verstehen, weil wir selbst an dem Scheidepunkt der Epochen stehen. ... So sind
uns die Augen geöffnet für beide Möglichkeiten .... « (21 f.)
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